Was passiert mit Musik, wenn Menschen verfolgt, ausgegrenzt oder zum Schweigen gebracht werden? Und welche Stimmen fehlen eigentlich bis heute in unseren Konzertprogrammen?
Mit unserem Sommerprojekt #mundtot bringen wir genau solche Musik auf die Bühne – Werke, die unter politischen und gesellschaftlichen Spannungen entstanden sind und heute neu gehört werden wollen.
Im Mittelpunkt steht die Erstaufnahme der Variationen über einen palästinensischen Volkstanz von Israel Brandmann. Brandmann war Teil der lebendigen jüdischen Kulturszene Wiens in den 1920er- und 30er-Jahren, bevor ihn Antisemitismus und Emigration aus seiner Heimat rissen. In seinem Werk verbindet er jüdische Volksmusik mit der Formensprache der europäischen Kunstmusik. Das Ergebnis: Musik, die Identität nicht als starres Zeichen versteht, sondern als lebendigen, wandelbaren Prozess. Dass dieses Werk nun erstmals professionell aufgenommen wird, ist für uns ein echtes Herzensprojekt.
Mit der Sinfonie Nr. 1 (1965) von Michail Nosyrev tauchen wir in die sowjetische Geschichte ein. Nosyrev wurde als junger Student verhaftet und verbrachte Jahre im Gulag. Seine Musik spricht nicht offen, sondern in Chiffren: Eine immer wiederkehrende rhythmische Figur wirkt wie ein Symbol staatlicher Macht, die persönliche Freiheit einengt. Gleichzeitig stehen lyrische, fast nostalgische Passagen im Kontrast dazu – Erinnerungen an eine verlorene Welt. Eine Sinfonie voller Spannungen, Brüche und innerer Dramatik.
Die Gegenwartsperspektive bringt Carlos Simon mit seiner Tales – A Folklore Symphony ein. Das Werk greift afroamerikanische Mythen, Spirituals und Erinnerungsnarrative auf – etwa die Geschichten der „Flying Africans“ oder die Exodus-Erzählung „Go Down Moses“. Simon versteht Symphonik als politischen Raum: als Ort, an dem Geschichte neu erzählt und kulturelle Identität selbstbewusst hörbar wird. Kraftvoll, rhythmisch, direkt – und hochaktuell.
Neben Konzerten in Mainleus (23.08.), Dresden (29.08.) und Jena (30.08.) entsteht in diesem Projekt eine professionelle CD-Produktion mit allen Werken. Besonders die Erstaufnahme von Brandmann macht Musik dauerhaft zugänglich, die sonst weiter im Archiv verschwinden würde.
Wie immer bei uns gilt: Eintritt frei – auf Spendenbasis.
Wir möchten nicht nur Konzerte spielen, sondern Geschichten erzählen, Fragen stellen und Musik als lebendige Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart erlebbar machen.
Wir freuen uns auf euch!